Café Atara
Professor Joachim Schlör schreibt über Café Atara
Als ich dann am 5. Dezember das imaginäre Café Atara im Belgischen Viertel in Köln für zwei Aufführungen besuchen konnte, war ich trotz dieser intensiven Vorbereitung von der gesamten Performance wie von den einzelnen schauspielerischen Leistungen überrascht – und hingerissen. Auch ich wurde, wie wohl alle anderen Besucherinnen und Besucher, von den einzelnen Persönlichkeiten in ihre jeweilige Lebensgeschichte und in ihre jeweilige Perspektive auf das Leben im Jerusalem der Jahre 1936/38 auf eine Weise mitgenommen, die nicht anders als einzigartig bezeichnet werden kann. Ich saß neben „meinem“ Sammy Gronemann (und konnte ihm von seinen späten Erfolgen berichten). Ich hörte Gabriele Tergit über ihre Erfahrungen im Land sprechen und spürte, fast körperlich, ihre Enttäuschung, ebenso wie den leicht pikierten Berliner Ton, in dem sie davon berichtete. Ich war fasziniert von den weltumfassenden architektonischen Plänen eines Erich Mendelsohn (und habe mich gewundert, als er plötzlich eine Frage aus dem Publikum nicht ganz beantworten konnte, er „war“ doch Mendelsohn). Ich ging von Arnold zu Beatrice Zweig und empfand sowohl die große Liebe wie die große Distanz zwischen den beiden. Ich teilte das Interesse des Publikums, das sich vielmehr als für die große Politik und den vielbesprochenen Konflikt im Nahen Osten für die wirklichen Lebensumstände der Protagonisten interessierte. Und ich durfte einer Rezitation von Else Lasker-Schüler zuhören, mit der das Stück beendet wurde – das „Stück“, das eben kein normales Theaterstück war, sondern eine ganz und gar ungewöhnliche Kunst der Einfühlung, die von den beiden Projektleitern Brian Michaels und Kane Kampmann entworfen und von den Schauspielern (Sven Gey, Simina German, Stefan Ben Heidelberg, Nastassja Pielartzik, Georgios Markou, Alexandra von Schwerin) gemeinsam und individuell so eindrücklich umgesetzt wurde.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich an diesem Experiment teilnehmen und meinen Beitrag dazu leisten konnte. Ich wünsche mir sehr, dass es eine Zukunft haben und an anderen Orten, vielleicht in Berlin, womöglich in Jerusalem, fortgesetzt werden kann. Jede Bewerbung um eine notwendige finanzielle und ideelle Förderung des Projekts unterstütze ich von Herzen.
Berlin, am 20. Dezember 2024
Professor Joachim Schlör